Liebe Tierfreund*innen,

aufgrund der Vorkommnisse beim Modernen Fünfkampf der Damen haben wir Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Potsdam erstattet. Im Nachfolgenden finden Sie die Anzeige zur Kenntnisnahme.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit stellt der Deutsche Tierschutzbund e.V., vertreten durch seinen Präsidenten Thomas Schröder, In der Raste 10, 53129 Bonn über seine Rechtsabteilung mit Bürositz in der Akademie für Tierschutz, Spechtstr. 1, 85579 Neubiberg

 

Strafanzeige

 gegen

 

 1)         Annika Schleu, Olympiateilnehmerin, Moderner Fünfkampf, Olympia 2021 in Tokio, Team Deutschland, wohnhaft in Potsdam, zu laden über den Deutschen Olympischen Sportbund

                                                                                                   – Beschuldigte zu 1) –

 

2)         Kim Raisner, Bundestrainerin, Moderner Fünfkampf, Olympia 2021 in Tokio, Team Deutschland, wohnhaft in Berlin, zu laden über den Deutschen Olympischen Sportbund

                                                                                                  – Beschuldigte zu 2) –

 

wegen des Verdachts der Tierquälerei, strafbar in Bezug auf die Beschuldigte zu 1 gemäß § 17 Nr. 2 lit. a, b TierSchG begangen am 06.08.2021 in Chōfu, Präfektur Tokio an dem Pferd Saint Boy in zwei tatmehrheitlichen Fällen, § 53 StGB und in Bezug auf die Beschuldigte zu 2 wegen des Verdachts der Tierquälerei sowie der Beihilfe zur Tierquälerei in zwei Fällen strafbar gem. § 17 Nr. 2 lit. a, b TierSchG, § 27 StGB.

 

  1. Sachverhalt

Im Rahmen des Modernen Fünfkampfes der Olympischen Spiele von Tokio wurde der Beschuldigten zu 1 für den reiterlichen Wettkampfteil das Pferd Saint Boy zugelost. Im gleichen Wettbewerb wurde Saint Boy bereits von der russischen Starterin Gulnas Gubaidullina geritten. Im Rahmen dieses Rittes verweigerte das Pferd bereits dreimal einen Sprung, was der Beschuldigten zu 1 auch bekannt war. Im Rahmen des modernen Fünfkampfes haben die Athleten nur 20 Minuten Zeit sich mit dem Pferd vertraut zu machen.

Bereits in den ersten Sekunden der TV Aufnahme ist zu sehen, wie verängstigt und aufgeregt das Pferd war, als es den Turnierplatz betrat. Dies ist deutlich an den weit aufgerissenen Augen und Nüstern zu erkennen, sowie am hochgestreckten Kopf, dem nervösen Rückwärtsgang und der hochgezogenen Oberlippe. Die Beschuldigte zu 1 ist wiederum erkennbar frustriert und weint auf dem Pferd sitzend, da sie nicht in der Lage zu sein scheint den Parcours mit dem zugelosten Pferd zu absolvieren.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), Olympia live – Tokio 2020, Hinzuziehung wird angeregt

                        konkret ab 4:32:55h Übertragungszeit (Ritt von Annika Schleu)

 

– Anlage 1 –

Bereits zu Beginn, beim Betreten des Reitplatzes, schlägt die Beschuldigte zu 1 Saint Boy mit der Gerte zweimal kraftvoll auf den linken Oberschenkel und den hinteren Flankenbereich.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

                        konkret ab Sekunde 6 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:33:01 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 –

Nachdem das Pferd von der Beschuldigten zu 1 nicht in die Vorwärtsbewegung gebracht werden kann setzt jene vielfach grob die Sporen ein und schlägt dem Pferd mit der Gerte viermal kraftvoll und gewaltsam auf den linken Oberschenkel und den hinteren Flankenbereich und einmal auf die rechte Flanke.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

                        konkret ab Sekunde 27 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:33:22 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 –

Als das Pferd auch weiter Angstreaktionen zeigt und unwillig ist, den Parcours zu absolvieren, ist in der Übertragung deutlich zu hören, wie die Beschuldigte zu 2 der Beschuldigten zu 1 zuruft „Hau mal richtig drauf, hau richtig drauf!“

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

konkret ab Sekunde 28 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:33:23 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 –

In Folge schlägt die Beschuldigte zu 2 dem Pferd mit der geballten Faust kraftvoll auf den linken Oberschenkel.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

konkret ab Sekunde 35 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:33:30 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 –

Unter wiederholtem groben Sporeneinsatz schlägt wiederum die Beschuldigte zu 1, welche sichtbar frustriert ist, den Wertungslauf nicht starten zu können mit der Gerte dreimal kraftvoll auf den linken Oberschenkel und den hinteren Flankenbereich von Saint Boy.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

konkret ab Sekunde 41 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:33:36 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 – 

In Folge werden vier Hindernisse übersprungen, ohne dass die Stangen abgeworfen werden. Am fünften Hindernis werden zwei Stangen abgeworfen, vor dem sechsten Hindernis verweigert Saint Boy den Sprung.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

konkret ab Sekunde 80 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:34:15 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 –

Während Saint Boy verstört und verängstigt rückwärts geht, setzt die Beschuldigte zu 1 wiederholt grob die Sporen ein und schlägt mit der Gerte zuerst einmal auf den linken Oberschenkel und den hinteren Flankenbereich von Saint Boy, dann noch zweimal in kurzer Folge wiederum auf die linke Seite.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

Konkret ab Sekunde 125 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:35:00 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 – 

In Folge verweigert Saint Boy noch einmal den Sprung, es wird im Laufe des Wettkampfs kein weiteres Hindernis mehr übersprungen. Das Pferd ist deutlich erkennbar überfordert.

 

Beweis:             TV Übertragung vom ZDF, Moderner Fünfkampf (F), wie vorstehend,

Konkret ab Sekunde 165 ab Beginn der Einblendung der Beschuldigten zu 1 im Reitwettbewerb (Stunde 4:35:40 der Mediatheksdatei)

 

– Anlage 1 –

Im an den Wettkampf anschließenden Interview ging es der Beschuldigten zu 1 ausschließlich um ihren ausgebliebenen sportlichen Erfolg. Auch auf Nachfrage äußerte sie sich nicht zum Wohlergehen des Pferdes.

 

Beweis:             TV Übertragung der ARD, Moderner Fünfkampf (F), Interview mit Annika Schleu, Kopie auf dem beiliegenden USB-Stick

 

– Anlage 2 –

Ebenfalls in einem Interview brachte auch die Beschuldigte zu 2 nur ihre Frustration über die im Reiten verlorenen Medaillen zum Ausdruck und beklagte, dass selbiges auch bei den Olympischen Spielen von Rio 2016 schon passiert sei. Sorge um das Wohlbefinden des Pferdes war nicht erkennbar.

 

Beweis:             TV Interview mit Kim Raisner, Kopie auf dem beiliegenden USB-Stick

 

– Anlage 3 –

  1. Rechtliche Würdigung

 Die Beschuldigte zu 1 ist dringend tatverdächtig der Tierquälerei, strafbar gemäß § 17 Nr. 2 lit. a, b TierSchG begangen an dem Pferd Saint Boy in zwei tatmehrheitlichen Fällen, § 53 StGB, die Beschuldigte zu 2 ist dringend tatverdächtig der Beihilfe zur Tierquälerei gemäß §§ 17 Nr. 2 lit. a, b TierSchG, § 27 StGB.

Gemäß Art. 44 Abs. 2 des japanischen Tierwohlgesetzes  wird Tierquälerei strafrechtlich verfolgt.

 

Beweis:             Kazushige Doi, Das Tierschutzrecht in Japan – Ein Vergleich mit dem deutschen Recht und dem Modellgesetz des World Animal Net, in: Zeitschrift für Japanisches Recht, Bd. 22 Nr. 44 (2017), S. 228 ff.

 

– Anlage 4 –

Das deutsche Strafrecht ist daher auf diese Auslandstaten anwendbar gemäß § 7 Abs. 2 Nr. 1 1. Alt. StGB. Es ist ausreichend, wenn die Taten am Tatort unter irgendeinem rechtlichen Gesichtspunkt mit Strafe bedroht sind (Fischer, Strafgesetzbuch, 61. Auflage, 2014, § 7 Rn. 9). Das Vorliegen von Schmerzen und Leiden ist an einem objektiven, wissenschaftlichen Maßstab zu messen. Die Schmerz- und Leidenszufügung muss unnötig und schwerwiegend sein, was bei dem kräftigen Einschlagen auf das Pferd ohne vernünftigen Grund jedenfalls gegeben ist, da ein Pferd ein sehr schmerzsensibles Tier ist. Auch wurde das Pferd bereits kurz zuvor im gleichen Wettbewerb schon von einer anderen Starterin geritten und zeigte starke Stresssymptome. So versuchte es rückwärts gehend und den Kopf hoch aufreckend der Situation zu entfliehen und riss die Augen so weit auf, dass das Weiße der Augäpfel zu sehen war. Auch die Nüstern waren stark geweitet.  Auch Angst und Stress sind Leiden im tierschutzrechtlichen Sinne (Hirt/Maisack/Moritz, Tierschutzgesetz – Kommentar, 3. Auflage, München 2016, § 17 Rn. 87). Zudem verursachte es weitere Qualen für das Pferd, welches ein Fluchttier ist, dieser Situation nicht entkommen zu können. Die Schmerzen und Leiden, welche dem Pferd durch die gegenständlichen Schläge und Tritte entstanden, sind veterinärmedizinisch objektiv als solche fassbar. Mithin sind die Taten am Tatort mit Strafe bedroht. Weiter handelt es sich bei den Beschuldigten um deutsche Staatsbürgerinnen.

  1. Strafbarkeit der Beschuldigten zu 1

 Die Beschuldigte zu 1 machte sich der Tierquälerei in zwei tatmehrheitlichen Fällen schuldig, § 17 Nr. 2 lit a, b TierSchG, § 53 StGB.

Strafrechtlich geahndet wird nach dem TierSchG die Zufügung von erheblichen Schmerzen oder Leiden aus Rohheit, § 17 Nr. 2 lit. a TierSchG, sowie die Zufügung von länger anhaltenden oder sich wiederholenden erheblichen Schmerzen und Leiden, § 17 Nr. 2 lit. b TierSchG.

Bei Wirbeltieren, wie einem Pferd, ist ein dem Menschen ähnliches Schmerzempfinden vorauszusetzen (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 85). Schmerzen sind unangenehme Sinnes- oder Gefühlserlebnisse, die im Zusammenhang mit tatsächlicher oder potentieller Gewebeschädigung stehen (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 1 Rn. 12). Leiden sind alle nicht bereits vom Schmerzbegriff umfassten Beeinträchtigungen des Wohlbefindens (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 1 Rn. 19).

Die Beschuldigte zu 1 schlug wiederholt, insgesamt 13-mal, gewaltsam mit der Reitergerte auf den linken Oberschenkel und den hinteren Flankenbereich des Pferdes Saint Boy ein. Zudem setzte die Beschuldigte zu 1 vielfach grob die Sporen ein. Von schwerwiegenden Prellungen im Unterhautgewebe ist bei einem derartigen Sporeneinsatz auszugehen. Dies stellt die Zufügung erheblicher Schmerzen und Leiden dar (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, Vor § 2 Rn. 108), welche auch in der TV Übertragung deutlich erkennbar über ein nicht signifikantes, kurzzeitiges Unwohlsein weit hinausgehen und für einige Zeit andauern.

 

Beweis:             Dr. Lydia Tong, Using science to answer the question: Does Whipping Hurt Horses?, Horse Whip, Catalyst, ABC, 2015, (https://www.abc.net.au/catalyst/horse-whip/11015810)

 

– Anlage 5 –

Die Gerte darf wie jedem Reiter bekannt ist und wie es Punkt 4.8.3 und 4.8.4 der Wettkampfbestimmungen und Regularien des Weltverbandes für den Modernen Fünfkampf, UIPM festlegen, nur und ausschließlich  zur Sicherheit, Korrektur und Ermutigung verwendet werden. Nach einem Gerteneinsatz ist dem Pferd die Möglichkeit zu geben zu reagieren, bevor sie erneut verwendet wird. Insbesondere ist das Schlagen mit übermäßiger Häufigkeit und besonders auch festes Schlagen zu unterlassen. Gertenschläge lösen bei Pferden nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen erhebliche Schmerzen und Leiden aus – mehr als bisher angenommen.

 

Beweis:             Dr. Lydia Tong, Using science to answer the question: Does Whipping Hurt Horses? Horse Whip, Catalyst, ABC, 2015, (https://www.abc.net.au/catalyst/horse-whip/11015810)

 

– Anlage 5 –

Das Pferd wollte als Reaktion auf die wiederholten starken Schläge artgemäß fliehen. Hierdurch äußert sich beim Fluchttier Pferd ein starker Angstzustand, dem es schnellstmöglich entkommen will. Kann das Pferd wiederholt nicht fliehen, wie es hier für mehrere Minuten der Fall war, verliert es sein Vertrauen in seine existentiell notwendige und herausragende Eigenschaft, die Fluchtfähigkeit. Rüde Maßregelungen, wie sie die Beschuldigte zu 1 wiederholt durch Sporen- und Gerteneinsatz gab, wirken angstverstärkend, wodurch das Pferd schließlich in Panik gerät. Dies wiederum konstituiert erhebliche Leiden.

 

Beweis:             Peter Stadler, Schmerzen und Leiden – Wie empfinden Pferde?  Pferdespiegel 2010; 2: 56–60, S. 58 (Flucht als Reaktion auf Angst)

 

– Anlage 6 –

Durch das Merkmal „erheblich“, also mehr als nur geringfügig, findet eine Abgrenzung von den Bagatellfällen statt (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 88).

Bei der Beurteilung sind die Gesamtumstände, Art, Umfang und Schwere der Einwirkung mit einzubeziehen (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 89). Weiter sind Indizien zu Schmerzen und Leiden zu betrachten (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 90), wie der Horse Grimace Scale, ein anerkanntes Schmerzerkennungssystem, welches auf sechs verschiedenen Gesichtsausdrucksmerkmalen des Pferdes basiert (Lebelt/Dalla Costa/Minero/Strucke/De Paula Vieira/Leach, Horse Grimace Scale – Eine praktikable Methode zur Schmerzbestimmung bei Pferden, in: Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft, 19. Internationale Fachtagung zum Thema Tierschutz „Theorie und Praxis zum Vollzug des Tierschutzgesetzes“, München, 2014, S. 275-286).

 

Dem Pferd Saint Boy waren ab Beginn die Schmerzen ins Gesicht geschrieben. Der Horse Grimace Scale indiziert ein erhebliches Schmerzempfinden des Pferdes, da die Augen soweit aufgerissen waren, dass der weiße Teil des Augapfels beidseitig immer wieder sichtbar wurde. Ebenso waren die Nüstern weit aufgerissen. Auch die Ohren waren als Ausdruck der Panik und des Schmerzes vollständig nach hinten geklappt. Das Maul war entweder weit aufgerissen und die Zähne wurden gezeigt, oder die Oberlippe wurde über die Unterlippe vorgeschoben. Beides sind Indizien für ein erhebliches Schmerzempfinden des Pferdes. Ebenso richtete das Pferd den Kopf immer wieder steil in die Höhe und versuchte rückwärts gehend dem Geschehen zu entkommen. Hier zeigen sich Schmerzen und Verängstigung. Dies ist auch jedem Reiter bekannt, insbesondere erfahrenen Olympioniken. Angst und Abwehrbewegungen des Pferdes gegen die reiterlichen Einwirkungen waren deutlich erkennbar.

 

Beweis:             Dr. Margit Zeitler-Feicht, Handbuch Pferdeverhalten,  3. Auflage, Stuttgart, 2015, S. 150-152

 

– Anlage 7 –

Zur Erfüllung des Merkmals „länger anhaltende Schmerzen oder Leiden“ reicht bereits eine mäßig lange Zeitspanne aus, da nicht auf das menschliche Zeitempfinden abzustellen ist (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 92).

Die Schmerzen und Leiden dauerten auch länger an. Für ein Pferd, welches ein Fluchttier ist vergeht die Zeit in Angstsituationen viel schneller, es empfindet die Leiden also als für eine längere Zeitspanne andauernd, worauf es bei der juristischen Bewertung ankommt (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 92). Gerade in der Gesamtschau der Geschehnisse lässt sich erkennen, dass durch das Zusammenwirken vieler Schläge und Tritte dem Pferd erhebliche und länger andauernde Schmerzen und Leiden zugefügt wurden. Saint Boy versuchte panisch der Situation  zu entkommen, was ihm für mehrere Minuten durch seine Reiterin, die  Beschuldigte zu 1, unmöglich gemacht wurde. Vielmehr wurde das Pferd zur Absolvierung des Parcours gezwungen.

Aus Rohheit handelt, wer eine Tat aus gefühllosen, das Leiden des Tieres missachtenden Gesinnung heraus begeht (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 151). Vorsätzlich handelt hier, wer die die Rohheit begründenden Tatsachen kennt (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, § 17 Rn. 152).

Die Beschuldigte zu 1 ließ gerade nicht von ihrem vorgefassten Plan ab, den Parcours zu absolvieren, um ihre egoistischen Motive, dem Medaillenwunsch, zu befriedigen und missachtete dabei sehenden Auges gefühllos das offensichtliche Leiden des Pferdes. Das Tier wurde von der Beschuldigten zu 1 in Absprechung seiner Eigenschaft als Lebewesen vorgenannter Motivation folgend als reines Sportgerät behandelt und gequält.

Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe sind nicht ersichtlich.

Die Taten wurden jedoch zeitlich getrennt durch das fehlerfreie Überspringen vierer Hindernisse begangen. Es handelt sich daher bei den letzten drei Schlägen und den Tritten um eine neue Tat. Durch das erfolgreiche Überspringen der ersten vier Hindernisse hatte die Beschuldigte zu 1 ihr Ziel mit den ersten Schlägen erreicht. Erst als das Pferd wieder nicht das machte, was sie wollte, setzte sie erneut an und schlug das Pferd erneut. Somit liegen hier zwei voneinander rechtlich getrennte Handlungen und Taten vor. Mithin liegt eine Tatmehrheit im Sinne des § 53 StGB vor.

 

  1. Strafbarkeit der Beschuldigten zu 2

Die Beschuldigte zu 2 machte sich der Tierquälerei, sowie der Beihilfe der Tierquälerei in zwei Fällen schuldig, § 17 Nr. 2 lit. a, b TierSchG, § 27 StGB.

Unter Strafe gestellt ist nach dem TierSchG die Zufügung von erheblichen Schmerzen oder Leiden aus Rohheit, § 17 Nr. 2 lit. a TierSchG, sowie die Zufügung von länger anhaltenden oder sich wiederholenden erheblichen Schmerzen und Leiden, § 17 Nr. 2 lit. b TierSchG.

Beihilfe im Sinne des § 27 StGB leistet, wer vorsätzlich einem anderen zu dessen vorsätzlich begangenen rechtswidrigen Tat Hilfe leistet. Psychische Beihilfe leistet, wer den Haupttäter in seinem Tatentschluss bestärkt (Fischer, StGB, § 27 Rn. 11) und so eine tatfördernde Funktion übernimmt (Fischer, StGB, § 27 Rn. 13).

Die Beschuldigte zu 2 förderte die Begehung der vorsätzlichen rechtswidrigen Haupttat der Beschuldigten zu 1 durch ihren Zuruf: „ Hau mal richtig drauf, hau richtig drauf“, da jene sich durch die Anweisungen, die die Beschuldigte zu 2 in ihrer Funktion als erfahrene Bundestrainerin gab, in ihrem Handeln bestärkt fühlte und trotz der auf sie gerichteten TV Kameras das Pferd quälte. Jedoch ist von keiner Anstiftung auszugehen, da die Beschuldigte zu 1 den Tatentschluss bereits vor den Zurufen der Beschuldigten zu 2 gefasst hatte und schon mit der Ausführung begonnen hatte. Bestärkt durch die Zurufe der Beschuldigten zu 2, ihrer Bundestrainerin, schlug die Beschuldigte zu 1 rechtswidrig mit der Gerte auf das Pferd ein. Anschließend übersprang die Beschuldigte zu 1 mit dem Pferd vier Hindernisse fehlerfrei, bevor der fünfte Sprung fehlerhaft ausgeführt und der sechste Sprung gar verweigert wurde. Daraufhin schlug die Beschuldigte zu 1 wiederum bestärkt durch die psychische Beihilfe der Beschuldigten zu 2 im Rahmen einer neuen Tat rechtswidrig auf das Pferd ein.

Diese Förderung der rechtswidrigen Haupttaten der Beschuldigten zu 1 wollte die Beschuldigte zu 2 subjektiv auch erreichen.

In Folge schlug die Beschuldigte zu 2 auch selbst dem Pferd kräftig auf den linken Oberschenkel. Das Pferd, welches erkennbar mit der Situation überfordert war, rechnete nicht mit dem unerwarteten und kräftigen Schlag und zeigte eine spontane, erhebliche Schmerzreaktion, wie es der Horse Grimace Scale zeigte und deutlich Anzeichen von Angst, was erhebliche Leiden im Sinne des Tierschutzrechts darstellt, insbesondere auch, da es der Situation nicht entfliehen konnte. Die Augen waren soweit aufgerissen, dass der weiße Teil des Augapfels erkennbar war, die Nüstern waren stark geweitet und der Kopf wurde vom Pferd stark nach oben gestreckt. Es handelt sich also um erhebliche Leiden und Schmerzen, die wiederum über das Maß der Geringfügigkeit deutlich hinausgingen, da das Pferd mit diesem Schlag von hinten auch nicht rechnete und so umso mehr Angst erlitt und erschrak, wie es auf den TV Bildern deutlich zu sehen war. Für das Pferd als Fluchttier hat sich die Leidenszeit noch um ein Vielfaches länger angefühlt. Es versuchte der Situation zu entfliehen, konnte dies jedoch für mehrere Minuten nicht.

Die Beschuldigte zu 2 handelte auch aus einer gefühllosen, rein auf die Medaillenchancen der Beschuldigten zu 1 fixierten Gesinnung heraus, wobei die Empfindungen des Pferdes ignoriert wurden, mithin aus Rohheit. Ihr als Trainerin kommt naturgemäß ein Teil des Ruhms eines Medaillengewinns bei den Olympischen Spielen zu und darum ging es ihr. Das strafrechtliche Verhalten der Beschuldigten zu 2 wiegt umso schwerer,  als sie als Bundestrainerin eine Vorbildfunktion im verantwortungsbewussten Umgang mit dem Pferd als  Partner einer Fünfkampfdisziplin zu erfüllen gehabt hätte. Sie hätte erkennen müssen, dass die Fortsetzung des Parcours mit dem Pferd sinnlos und Tierquälerei ist. Durch ihr bewusstes und gewolltes Verhalten hat sie  die Misshandlungen, die die Beschuldigte zu 1 dem Pferd zugefügt hat, fortgesetzt und noch bestärkt.

Rechtfertigungs- und Schuldausschlussgründe sind bei der Beschuldigten zu 2 nicht erkennbar.

 

  1. Weiteres

Es wird um Aufnahme der Ermittlungen und um Mitteilung des Aktenzeichens, sowie des Verfahrensausgangs gebeten. Vorsorglich bitten wir schon jetzt um die Übersendung einer Kopie der staatsanwaltlichen Schlussverfügung.

Da der Gerichtsstand des Tatortes, § 7 StPO, vorliegend nicht als Gerichtsstand in Frage kommt, sondern vielmehr der Gerichtsstand des Wohnortes, § 8 Abs. 1 StGB, wurde die Anzeige bei der für den Wohnort der Beschuldigten zu 1 zuständige Staatsanwaltschaft Potsdam, eingereicht, da der Schwerpunkt auf deren Verhalten liegt und es sich um eine zusammenhängende Strafsache handelt, § 13 StPO.